Hygiene im Mittelalter – Wahrheit oder Mythos?
Manchmal stolpere ich über Behauptungen wie „Im Mittelalter hat niemand gebadet“ – und jedes Mal zucke ich zusammen. Denn je tiefer ich mich in dieses Thema eingelesen habe, desto klarer wurde: Viele der angeblichen Wahrheiten über die Hygiene im Mittelalter stammen eher aus Filmen als aus historischen Quellen! Gleichzeitig gab es aber auch hygienische Missstände, die wir uns heute kaum vorstellen können. Dieses Wechselspiel zwischen überraschender Sauberkeit und real existierendem Schmutz macht das Thema so faszinierend.
Chroniken, medizinische Handschriften und sogar archäologische Funde zeichnen ein buntes und sehr menschliches Bild: Menschen, die Badestuben liebten, Parfümöle nutzten, ihre Kleidung regelmäßig wuschen, aber auch Städte, die unter Abfall, Abwässern und fehlender Kanalisation litten. Ich nehme dich mit in eine Welt, in der Körperpflege, Aberglaube, Medizin und Alltagsstress ständig miteinander kollidierten. Bereit für die wahre Geschichte der Hygiene im Mittelalter? Lass uns einsteigen!
Wie sauber waren Menschen im Mittelalter wirklich?

Man stolpert schnell über dieses Klischee, dass im Mittelalter alle komplett verdreckt herumgelaufen wären, aber je tiefer ich in die historischen Quellen eintauche, desto mehr bröckelt dieses Bild. Irgendwann saß ich mal über einer Handschrift aus dem 14. Jahrhundert, und dort stand ganz nüchtern beschrieben, wie jemand sein Leinenhemd wechselte, weil es „den Schweiß trage“. Das hat mich irgendwie gepackt. Menschen im Mittelalter lebten nicht wie Höhlenbewohner; sie hatten einfach andere Routinen, und die waren oft erstaunlich durchdacht.
Die Häufigkeit des Badens war ein ziemliches Hin und Her, und das hat mich beim Recherchieren fast wahnsinnig gemacht. In manchen Städten wie Nürnberg oder Regensburg gab es im 13. Jahrhundert öffentliche Badestuben an jeder Ecke, und die Leute gingen da teilweise wöchentlich hin. Auf dem Land dagegen wurde eher mit einer Waschschüssel am Feuer gearbeitet. Einmal hat ein Historiker, den ich gelesen habe, sogar geschrieben, dass viele Bauern lieber ihre Unterkleidung häufiger gewaschen haben, statt selbst ins Wasser zu steigen. Klingt auf den ersten Blick komisch, aber Leinen saugt Schweiß unglaublich gut auf und wurde viel schneller sauber. Die Leute wussten genau, wie man mit dem Minimum an Aufwand das Maximum an Reinlichkeit rausholt.
Dieser Mythos vom „Baden verboten“ hat mich zwischendurch echt genervt, weil er ständig wieder auftaucht. Er stammt aus missverstandenen kirchlichen Texten, die vor „Sittenlosigkeit“ warnten, nicht vor Wasser. Badestuben waren jahrhundertelang Mischungen aus Spa, Wohnzimmer und gesellschaftlichem Treffpunkt – kein Wunder, dass die Kirche ab und zu die Augenbrauen hob. Aber verboten im Sinne von „Du darfst nicht baden, sonst bist du unrein“ war das Ganze selten. Und sobald man tiefer schaut, wird klar, dass Hygiene und Körperpflege im Mittelalter ziemlich flexibel und abhängig von Zeit und Ort waren.
Einmal bin ich bei der Recherche fast verzweifelt, weil ich eine Quelle fand, in der stand, die Leute hätten aus Angst vor Krankheiten aufgehört zu baden. Dann fand ich die nächste, die genau das Gegenteil behauptet hat. Am Ende wurde mir klar: Mit der Pest hat sich vieles verändert. Manche Ärzte meinten damals, warme Bäder würden die Poren öffnen und Krankheiten „reinlassen“. Also wurde in bestimmten Regionen seltener gebadet, aber Waschen war weiterhin wichtig – besonders Hände, Gesicht und Haare. Es wäre also total falsch zu sagen, die Leute hätten sich gar nicht mehr gereinigt.
Der Unterschied zwischen städtischem und ländlichem Alltag ist dabei wie Tag und Nacht. In Städten gab es Wasserleitungen, Zuber zur Straßenreinigung und sogar Badeordnungen. Auf dem Land dagegen war Wasser ein Gut, das man sparsam nutzte, besonders im Winter. Trotzdem zeigen archäologische Funde von Kämmen, Waschlappen, Salben und Duftkräutern ganz klar, dass Hygiene für Menschen aller Stände ein Thema war. Niemand wollte stinken, das ist ein ziemlich universelles Bedürfnis.
Was mich letztlich am meisten fasziniert: Wie viele historische Quellen über Körperpflege existieren. Miniaturen, Haushaltsbücher, medizinische Traktate – überall tauchen Hinweise auf Waschen, Baden, Rasieren oder sogar Zahnreinigung auf. Je länger man sich damit beschäftigt, desto klarer wird, dass das Mittelalter nicht diese graue, schmutzige Masse war, die wir aus Filmen kennen. Es war lebendig, duftend, manchmal chaotisch – und voller kleiner Rituale, die uns zeigen, dass Sauberkeit schon immer ein Stück Lebensqualität bedeutet hat.
Wenn du tiefer eintauchst, wirst du merken, wie viel dieser alten Routinen wir heute noch unbewusst weiterleben.
Badestuben, Badehäuser & Rituale – die unterschätzte Bade-Kultur

Badestuben hatten für mich immer so einen leicht verstaubten Ruf, bis ich irgendwann tiefer in die Quellen eingestiegen bin und gemerkt habe, dass sie im Mittelalter viel mehr waren als nur Räume mit heißem Wasser. Manche Beschreibungen lesen sich fast wie Wellnessbroschüren, nur eben mit Holzbottichen und dampfenden Kräutern statt LED-Licht und Duftkerzen. Und ehrlich, ich hab anfangs total unterschätzt, wie wichtig diese öffentlichen Badehäuser für das städtische Leben waren. Je länger ich dazu lese, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass wir unsere heutige Spa-Kultur nicht erfunden haben – wir haben sie nur neu verpackt.
Mir ist irgendwann ein Fehler passiert, der mich damals schön frustriert hat: Ich habe in einem Artikel behauptet, Badestuben seien selten gewesen. Dann stolpere ich zwei Tage später über eine städtische Auflistung aus Nürnberg, in der gleich zwölf Badehäuser genannt wurden – für eine Stadt, die im Mittelalter nicht mal annähernd so groß war wie heute. Da saß ich dann, Kaffee kalt geworden, und hab meine Notizen komplett über den Haufen geworfen. War nicht mein stolzester Moment, aber hey… passiert. Was ich daraus gelernt habe: Badestuben waren die sozialen Hotspots der Städte. Jeder ging hin – Händler, Handwerker, Frauen, Kinder, ja sogar Nonnen wurden in manchen Quellen erwähnt, allerdings auf getrennten Badetagen.
Diese Badehaus-Rituale sind für mich einer der spannendsten Aspekte. In vielen Quellen tauchen Dampfbäder auf, in denen Kräuter wie Salbei, Thymian oder Beifuß in den Dampf gelegt wurden, damit der Raum besser roch und die Luft „reinigte“. Ich stelle mir das vor wie eine Mischung aus Sauna und Kräuterinhalation. Danach wurde oft mit warmem Wasser übergossen, manchmal wurden Öle eingerieben – meistens tierische Fette oder Pflanzenöle. Klingt erst mal rustikal, aber viele dieser Öle wirken antiseptisch oder pflegend. Die Leute wussten ganz genau, was sie taten. Und falls du mal überlegst, historische Wellness für einen Mittelalter-Event einzubauen: Kräuterbäder sind super leicht nachzumachen.
Was mich beim Lesen der Chroniken immer wieder schmunzeln lässt, ist die soziale Funktion der Badehäuser. Historiker nennen Badestuben gerne die „Wohnzimmer der Städte“. Da wurde nicht nur gebadet – da wurde gegessen, dort wurde gefeiert, es gab Musik, und ja, manchmal auch Erotik. Einige Städte mussten irgendwann sogar Regeln einführen, damit die Badestuben nicht zum Bordell wurden. Das klingt jetzt vielleicht etwas wild, aber wenn man bedenkt, wie kalt und unbequem viele Häuser damals waren, ist es logisch, dass ein warmes Bad mit Freunden oder Familie wie ein kleiner Luxus war. Für viele war das der einzige Ort, an dem man wirklich entspannen konnte.
Und dann kommt natürlich das leidige Thema Kirche. Ich hab mir früher oft die Frage gestellt, warum sie plötzlich so streng wurde. In älteren Texten findet man kaum Kritik, aber ab dem Spätmittelalter kippt die Stimmung. Die Kirche hatte weniger ein Problem mit Wasser, sondern eher mit den „Gefahren der Sittenlosigkeit“. Badestuben galten als moralisch unsicher, weil Männer und Frauen manchmal zusammen badeten. Dazu kam die Sorge, dass die Hitze Krankheiten übertrug, vor allem während der Pest. Manche Prediger wetterten regelrecht gegen die Badehauskultur, und das führte dazu, dass immer mehr Städte strengere Vorschriften erließen oder einzelne Häuser schlossen.
Wenn man das alles zusammen nimmt – die Bedeutung der öffentlichen Badestuben, die Rituale mit Kräutern und Ölen, die soziale Funktion als Treffpunkt und die zunehmend strengen kirchlichen Maßnahmen –, dann entsteht ein richtig lebendiges Bild einer Kultur, die oft komplett falsch dargestellt wird. Und jedes Mal denke ich mir: Die Leute damals wussten deutlich besser, wie man sich ein bisschen Luxus gönnt, als wir ihnen zutrauen.
Kleidung, Wäsche und Reinigung – unterschätzte Hygiene-Faktoren

Haarpflege im Mittelalter hat mich jahrelang unterschätzt lachen lassen, bis ich irgendwann tiefer eingestiegen bin und gemerkt habe, wie viel Know-how dahintersteckte. Sobald man sich mit mittelalterlicher Körperpflege beschäftigt, merkt man, dass Haare eine Art Visitenkarte waren. Und ganz ehrlich: Ich finde es mega spannend, wie kreativ die Leute damals wurden, obwohl es weder Duschgel noch Conditioner gab. Man stößt immer wieder auf Beschreibungen von Kämmen, Ölen und Kräutern, bei denen man fast denkt: Das klingt wie ein DIY-Blog – nur eben 800 Jahre alt.
Mir ist dabei einmal ein ziemlich peinlicher Anfängerfehler passiert. Ich hab in einem Text behauptet, mittelalterliche Menschen hätten ihre Haare selten gekämmt, weil es kaum Kämme gegeben hätte. Zwei Tage später finde ich beim Durchblättern eines Ausgrabungsberichts eine ganze Seite über Kämme aus Knochen, Holz und sogar Horn – fein verzahnt, liebevoll geschnitzt und oft richtig hübsch. Ich hab das Manuskript danach komplett neu geschrieben und seitdem nie wieder unterschätzt, wie wichtig ein guter Kamm damals war. Die Leute hatten Kämme überall: im Gürtel, in kleinen Beuteln, in Truhen. Haare wurden täglich entwirrt, mit Kräutern eingerieben und teilweise mit einfachen Ölen gepflegt. Besonders Rosmarinöl taucht ständig in Quellen auf, und wenn ich das mal benutze, fühlt es sich fast wie ein kleiner Gruß an die Vergangenheit an.
Bärte sind wieder so ein Thema, bei dem ich früher dachte: Ja gut, Mittelalter, alle hatten Bärte, Punkt. Aber so simpel ist das nicht. In manchen Jahrhunderten waren Bärte totale Statussymbole. In anderen Zeiten galten sie eher als hygienisches Problem, weil sich darin Dreck, Essensreste und Parasiten festsetzen konnten. Ich hab einmal versucht, das in einem Blogbeitrag zu erklären, und rate mal? Ein Leser hat mir geschrieben, sein „historisch korrekter Bart“ hätte ihn genau wegen dieser Parasitenfragen fast in den Wahnsinn getrieben. Das zeigt ziemlich gut, wie real diese Probleme damals waren. Viele Männer haben sich regelmäßig rasiert oder zumindest ihre Bärte gekürzt, einfach um Läusen keine Chance zu geben. Die Rasiermesser waren zwar nicht besonders komfortabel, aber sie haben ihren Job getan.
Kopfbedeckungen waren ebenfalls ein unterschätzter Teil dieser Mode der Reinlichkeit. Leute trugen Hauben, Tücher, Hüte – nicht nur wegen des Stils, sondern auch aus hygienischen Gründen. Eine Haube konnte verhindern, dass Staub und Schmutz in die Haare kam, und sie verbarg, wenn man es mal nicht geschafft hatte zu waschen. Ich hab irgendwann gelernt, dass viele Frauen ihr Haar fast nie offen trugen, weil offenes Haar als unpraktisch, manchmal sogar unsittlich galt. Und ja, auch Männer mit modischen Kopfbedeckungen hatten’s praktisch: Eine Gugel oder Kappe schützt vor Sonne, Schmutz – und neugierigen Blicken.
Was mich besonders fasziniert, sind die Läusekämme. Jeder, der schon mal mit Läusen zu tun hatte (und wem ist das nicht bereits passiert?), weiß, wie nervig diese Viecher sind. Die Kämme aus dem Mittelalter haben oft extrem feine Zinken, teilweise enger als moderne Modelle. Dazu gab es Kräutermischungen aus Lavendel, Salbei oder Wermut, die als natürliches Abwehrmittel dienten. Ich hab so einen Kamm mal auf einem Museumsmarkt ausprobiert – und ja, der ziept wie blöd, aber er funktioniert. Falls du mal einen Tipp brauchst: Kräuteröle wirken immer noch super, wenn du es natürlich magst.
Haarpflege, Bartpflege und Kopfbedeckungen erzählen uns also unglaublich viel über Reinlichkeit und soziale Normen im Mittelalter. Je mehr man darüber lernt, desto klarer wird: Der Wunsch nach gepflegtem Aussehen war genauso präsent wie heute – nur eben mit anderen Werkzeugen und manchmal etwas rustikaleren Methoden.
Toiletten, Abfall und städtische Hygieneprobleme

Kleidung, Wäsche und Reinigung sind für viele Menschen heute so selbstverständlich, dass man kaum darüber nachdenkt, welchen riesigen Einfluss sie im Mittelalter auf die Hygiene hatten. Bei mir hat es tatsächlich eine ganze Weile gedauert, bis ich geschnallt habe, dass saubere Kleidung damals oft wichtiger war als regelmäßiges Baden. Klingt im ersten Moment irgendwie falsch, aber sobald man sich mit den Materialien, dem Alltag und den historischen Quellen beschäftigt, ergibt plötzlich alles Sinn. Und ja, ich hab mich damit schon ein paar Mal komplett verrannt – typische Recherche-Falle eben.
Mein größter Aha-Moment kam, als ich einen mittelalterlichen Haushaltsbericht las, in dem stand, dass Unterwäsche aus Leinen „den Schmutz trage“. Diese Formulierung hat mich völlig gepackt. Leinen wirkt fast wie ein natürliches Filtermaterial: Es nimmt Schweiß auf, hält Schmutz fern und lässt die Haut trotzdem atmen. Das bedeutet, dass man selbst nicht wie verrückt jeden Tag baden musste – man wechselte einfach die Unterkleidung. Ich hab irgendwann versucht, das selbst nachzuvollziehen, und Leinen tatsächlich ein paar Tage am Stück getragen. Und ja, es stimmt: Es bleibt viel länger frisch als jede Kunstfaser. Mega weird, aber auch irgendwie genial.
Viele Menschen unterschätzen völlig, wie wichtig Bettwäsche und Unterwäsche für die Gesundheit waren. In einem Haushalt mit wenig Wasser und ohne moderne Waschmittel war es viel einfacher, Hemden und Bettlaken zu reinigen als ständig selbst in den Zuber zu steigen. Eine Hausfrau aus dem 14. Jahrhundert hätte darüber wahrscheinlich gelacht, dass wir heute Wäsche hassen. Für sie war es das zentrale Hygiene-Werkzeug. Unterwäsche wurde nämlich nicht nur wegen Komfort getragen, sondern vor allem, um Schmutz von der Haut fern zu halten. Wenn ich das jemandem erkläre, bekomme ich oft diesen „Ach so!“-Blick. Das macht schon Spaß.
Was ich wirklich gefeiert habe, war die Entdeckung, wie sauber manche Haushalte trotz einfachen Lebens geführt wurden. Besen waren überall. Manche waren aus Birkenzweigen gebunden, andere aus Schilf, und sie wurden fast täglich benutzt. Beim Lesen alter Haushaltsordnungen fällt auf, wie oft sauber gemacht wurde – teilweise sogar zweimal am Tag in besseren Haushalten. Und diese Kräuter, die man verstreut hat, wow. Beifuß, Salbei, Lavendel. Die Leute glaubten zwar teilweise an magische Wirkungen, aber viele dieser Kräuter sind tatsächlich antibakteriell. Ich hab einmal versucht, so eine Kräutermischung auf dem Boden auszuprobieren. Riecht etwas wild, aber es funktioniert erstaunlich gut.
Teppiche waren übrigens ein zweischneidiges Schwert. In wohlhabenderen Haushalten lagen sie häufiger herum, aber sie wurden ständig ausgeschlagen. Und wenn ich „ausgeschlagen“ sage, meine ich wirklich ausgeschlagen – mit Stöcken, im Freien, manchmal minutenlang. Einmal habe ich das selbst mit einem Wollteppich getestet, und ich schwöre, ich dachte, ich würde ein ganzes Sandloch aus dem Ding klopfen. Genau so war’s damals auch. Nur wer seine Teppiche nicht gepflegt hat, hatte irgendwann ein echtes Hygieneproblem.
Das Thema Kleidung waschen wirkt auf den ersten Blick vielleicht banal, aber es ist im Mittelalter einer der größten Hygiene-Faktoren überhaupt gewesen. Wenn man versteht, wie viel Leinen, regelmäßiges Reinigen und clevere Haushaltspraktiken zur Sauberkeit beigetragen haben, sieht man diese Epoche plötzlich in einem ganz anderen Licht. Nicht mehr als stumpfe, schmutzige Zeit – sondern als clever organisierter Alltag, der mit den Mitteln funktionierte, die man eben hatte. Und irgendwie finde ich das unglaublich faszinierend.
Krankheiten, Seuchen und der Einfluss mangelnder Hygiene

Toiletten im Mittelalter haben mich schon immer gleichzeitig fasziniert und ein bisschen geschockt. Je tiefer ich mich da eingelesen habe, desto klarer wurde mir, dass wir heute unfassbar verwöhnt sind. Gerade in Städten war der Umgang mit Abfall, Fäkalien und all dem alltäglichen Schmutz ein ständiger Kampf. Und manchmal bin ich bei der Recherche so frustriert gewesen, dass ich mir dachte: Wie hat da überhaupt jemand überlebt? Aber genau das macht’s ja spannend.
Die berühmten Aborterker sind wahrscheinlich das, was die meisten kennen: kleine Holzkästen außen an Häusern, manchmal direkt über einem Bach oder Graben. Ich hab einmal auf einer Burgführung gedacht, der Guide würde übertreiben, als er meinte, man könne „direkt ins Tal grüßen, während man sein Geschäft erledigt“. Dann stand ich da, über einem Loch, mit dieser absurden Aussicht – und ja, das war kein Witz. Die Dinger funktionierten simpel: Man setzte sich drauf, und unten fiel alles nach draußen. Kein Wasserspülung, nix. Manche Burgen hatten richtig ausgeklügelte Systeme, bei denen Regenwasser half, die Reste wegzuspülen. In Städten war’s komplizierter, weil die Häuser enger standen und die Menge an Fäkalien größer war.
Latrinen dagegen waren oft Gemeinschaftstoiletten, besonders in Klöstern oder an Marktplätzen. Das Spannende daran: Viele davon waren erstaunlich gut organisiert. In manchen Klöstern floss ein kleiner Bach unter der Latrine entlang und transportierte die Abfälle ab. Ich hab einmal gelesen, wie ein Besucher eines Klosters aus dem 12. Jahrhundert begeistert schrieb, man rieche dort „fast nichts“. Fast nichts. Das sagt eigentlich schon alles. Städte dagegen hatten oft große Gruben, sogenannte „Senkgruben“, die regelmäßig geleert werden mussten. Und wenn ich „regelmäßig“ sage, meine ich: irgendwann, wenn der Gestank nicht mehr auszuhalten war.
Der Umgang mit Fäkalien in dicht besiedelten Städten war ein echtes Problem. Das Mittelalter hatte keine Kanalisation wie wir heute, also landetet viel davon schlicht auf der Straße oder wurde in Rinnsteine gekippt. Ich hab einmal aufgeatmet, als ich eine Verordnung aus Paris las, die wortwörtlich verbot, Nachttöpfe „von Fenstern aus zu entleeren“. Und ja, diese Verordnung gab es aus gutem Grund. Je dichter die Stadt, desto schneller häuften sich die Probleme. Es entstanden stinkende Gassen, verseuchte Wasserstellen und ein ständiger Nährboden für Krankheiten.
Straßenreinigung war deswegen einer der wichtigsten Hygiene-Faktoren. Wohlhabendere Städte stellten sogar „Karrenmänner“ oder „Nachtmänner“ ein – Leute, die Müll, faules Essen und Abfälle abtransportierten. Die Armen lebten dagegen oft in Vierteln, in denen der Müll über Wochen liegen blieb. Ich hab mal versucht nachzuvollziehen, wie es gerochen haben muss, indem ich eine mittelalterliche Müllmischung rekonstruiert habe. Fleischreste, Stroh, Asche, alte Gemüseabfälle. Der Geruch war… ja. Nicht zu empfehlen. Und genau solche Gemische lagen früher tonnenweise herum. Kein Wunder, dass Krankheiten wie Typhus oder Ruhr leichtes Spiel hatten.
Dicht besiedelte Städte litten besonders hart, weil alles viel enger war. Kleine Gassen, viele Tiere, kaum Platz, schlechte Belüftung. Sobald irgendwo eine Senkgrube überlief, war ein ganzes Viertel betroffen. Ein Historiker nannte das einmal „Hygiene im Krise-Modus“ – und der Ausdruck ist mir im Kopf hängen geblieben, weil er so treffend ist. Es zeigt einfach, wie fragil mittelalterliche Städte waren, wenn es um Sauberkeit ging.
Trotzdem sollte man nicht denken, die Menschen hätten nichts getan. Es gab Ordnungen, Reinigungstage, sogar Strafen für Leute, die ihren Müll einfach liegen ließen. Man hat’s versucht – nur reichte es manchmal einfach nicht. Und genau dieses Spannungsfeld macht das Thema für mich so spannend: Menschen im Mittelalter wollten sauber leben, aber die städtischen Bedingungen haben ihnen permanent Steine in den Weg gelegt.
Wenn man das einmal verstanden hat, sieht man mittelalterliche Städte endgültig mit anderen Augen.
Aberglaube, Religion & Medizin: Wie sie Hygiene prägten

Aberglaube, Religion und Medizin sind im Mittelalter so eng miteinander verwoben, dass man manchmal das Gefühl hat, sie hätten einen gemeinsamen Familiennamen. Als ich das erste Mal versucht habe, die Rolle dieser drei Bereiche für die Hygiene zu verstehen, bin ich gnadenlos gescheitert. Ich wollte alles in klare Kategorien packen – religiöse Reinheit hier, körperliche Reinlichkeit dort –, aber je weiter ich las, desto mehr merkte ich: Die Menschen damals sahen das komplett anders. Für sie war Reinheit ein Mischmasch aus Glauben, Tradition und überliefertem „Wissen“. Und manchmal auch einfach Bauchgefühl.
Religiöse Reinheit war ein großes Ding. Viele Gebote und Rituale hatten weniger mit Sauberkeit im modernen Sinn zu tun, sondern mit symbolischer „Reinheit“. Ich hab damals ewig gebraucht, um das zu kapieren. Menschen konnten „rein“ sein, obwohl sie seit Tagen nicht gebadet hatten – und „unrein“, obwohl sie frisch gewaschen waren. Reinheit bedeutete eher seelische Ordnung, moralische Korrektheit, Einhaltung bestimmter Regeln. Und auch wenn man das aus heutiger Sicht vielleicht seltsam findet, hat es den Alltag stark beeinflusst. Ein Tipp, der mir geholfen hat, das einzuordnen: Wenn du eine mittelalterliche Quelle liest und sie von „Reinheit“ spricht, denk an religiöse Symbolik, nicht an Seife.
Der Aberglaube rund um Wasser und Krankheiten ist ein echtes Chaos-Thema. Viele Menschen glaubten, dass Wasser die Poren öffnet – und damit Krankheiten wie die Pest „in den Körper zieht“. Als ich das das erste Mal gelesen habe, wollte ich den Buchdeckel zuknallen, weil es einfach so unlogisch klang. Aber aus deren Perspektive, ohne Keimtheorie, ohne Bakterienwissen, ist es nachvollziehbar. Warmbäder galten als riskant, kaltes Wasser dagegen als „verschließend“ und sicherer. Gleichzeitig wurde Wasser selbst manchmal als Quelle von Unheil betrachtet, besonders wenn es aus stehenden Tümpeln kam. Manche Leute schützten sich vor Krankheiten, indem sie Kräuter ins Wasser mischten, Gebete sprachen oder bestimmte Quellen mieden. Halbwissen, Aberglaube, Erfahrung – alles schön zusammengeknotet.
Was mich aber wirklich überrascht hat, ist die Sauberkeit in Klöstern. Ich hatte immer das Klischee im Kopf: Mönche, Bücher, Kerzen – aber nicht unbedingt Reinlichkeit. Und dann lese ich plötzlich, dass viele Klöster eigene Latrinen hatten, Wasserleitungen, Waschhäuser, sogar geregelte Badezeiten. In manchen Ordensregeln wurde festgelegt, wie oft die Kleidung gewaschen werden sollte. Ich hab mich dabei regelrecht ertappt gefühlt, weil ich das Klosterleben völlig unterschätzt hatte. Irgendwann hat mir ein Historiker mal gesagt: „Wenn du im Mittelalter sauber leben wolltest, hättest du Mönch werden sollen.“ Seitdem muss ich jedes Mal grinsen, wenn ich an diese Orte erstaunlicher Sauberkeit denke.
Der Einfluss der Kirche auf Badeverbote ist ein heikles Thema, das ich anfangs komplett falsch verstanden habe. Ich dachte immer, die Kirche hätte einfach beschlossen: Baden ist sündhaft. Zack, Verbot. Aber so war’s überhaupt nicht. Die Kirche hatte weniger ein Problem mit dem Wasser selbst, sondern mit der „Gefahr der Versuchung“. Öffentliche Badestuben waren Treffpunkte – manchmal zu sozial, manchmal zu intim, manchmal zu erotisch. Aus moralischer Sicht war das ein Minenfeld. Besonders im Spätmittelalter wurden die Predigten strenger, und Städte reagierten darauf, indem sie Badehäuser schlossen oder strengere Regeln einführten.
Gleichzeitig spielte die Medizin dieser Zeit eine wichtige Rolle. Viele Ärzte glaubten, dass Badestuben Krankheiten übertragen könnten – und bei einer Pestwelle brauchte es nicht viel, um Panik auszulösen. Da war es dann schnell vorbei mit der Badekultur, und die religiösen Argumente wurden mit medizinischen zusammengeworfen. Ein echtes Durcheinander, das man heute kaum auseinanderhalten kann.
Wenn ich all diese Aspekte zusammen betrachte – religiöse Reinheit, Aberglauben über Wasser, die Sauberkeit in Klöstern, die kirchlichen Bedenken gegenüber Badestuben –, entsteht ein ziemlich komplexes Bild. Hygiene im Mittelalter war nicht einfach nur eine Frage von Seife oder Schmutz, sondern ein Spiegel der Weltanschauung. Und je mehr man eintaucht, desto besser versteht man, warum damals so vieles anders funktioniert hat als heute.
Was stimmt nun wirklich? Die größten Mythen über Hygiene im Mittelalter

Mythen über Hygiene im Mittelalter haben mich schon so oft in den Wahnsinn getrieben, dass ich irgendwann beschlossen habe, sie Stück für Stück auseinanderzunehmen. Dieses ständige „Die haben damals eh nie gebadet“ höre ich gefühlt einmal pro Woche, und jedes Mal zucke ich innerlich zusammen. Je tiefer ich mich eingelesen habe, desto klarer wurde: Viele dieser Vorstellungen stammen eher aus Filmen, nicht aus historischen Quellen. Und manchmal musste ich meinen eigenen Denkfehlern hinterherlaufen, weil ich selbst Opfer dieser Mythen war.
Der Klassiker: „Die Menschen haben nie gebadet.“ Totaler Quatsch. Badestuben waren seit dem 12. Jahrhundert in vielen Städten omnipräsent, richtig beliebt sogar. In Nürnberg, Regensburg, Köln – überall findet man Hinweise auf Badehäuser, in denen die Leute wöchentlich oder zumindest regelmäßig badeten. Ich hab einmal in einem Blogartikel geschrieben, das Baden sei nur etwas für Reiche gewesen. Zwei Tage später stolpere ich über eine Chronik, die erklärt, wie Handwerker nach Feierabend gemeinsam ins Bad gingen. Da habe ich mein Dokument sofort wieder geöffnet und alles überarbeitet. Wenn du diesen Mythos entkräften willst, hilft ein einfacher Satz: Menschen im Mittelalter kannten Reinlichkeit, sie hatten nur andere Mittel dafür.
Der zweite Mythos, den ich oft höre, ist dieses pauschale „Alle waren schmutzig.“ Da wird mir jedes Mal bewusst, wie wir uns das Mittelalter manchmal wie eine einzige staubige, stinkende Wolke vorstellen. In Wahrheit gab es massive soziale Unterschiede. Reiche Familien besaßen private Waschutensilien, duftende Öle und sogar eigene Badekammern. Bauern wiederum wuschen sich eher mit Schalen und Tüchern, aber dafür oft täglich Gesicht und Hände. Eine Bäuerin hätte dir wahrscheinlich den Vogel gezeigt, wenn du ihr gesagt hättest, dass sie sich nie wäscht. Und in Klöstern – das überrascht viele – war Sauberkeit extrem wichtig. Es ist also nicht fair, das alles über einen Kamm zu scheren.
Ein Mythos, der mich früher tatsächlich verwirrt hat, ist der über die angebliche Gefahr des Badens. Und da gibt es einen kleinen Funken Wahrheit, der den Mythos so hartnäckig macht. Während Pestzeiten glaubte man, dass warme Bäder die Poren öffnen und dadurch Krankheiten „reinlassen“. Medizinisches Halbwissen mischte sich mit Angst. Dazu gab’s immer wieder Warnungen vor unkeimfreiem Wasser, vor allem in schlecht gepflegten Badestuben. Ich hab einmal eine medizinische Handschrift gelesen, in der wortwörtlich stand, man solle kaltes Wasser nutzen, „damit die Säfte im Körper ruhen“. Klingt seltsam, aber es zeigt, wie die Leute damals dachten. Die Angst war also nicht komplett erfunden – sie beruhte nur auf den falschen Vorstellungen über Krankheitserreger.
Was den Mythos am meisten am Leben hält, ist aber die Darstellung in Filmen. Und da rollen sich mir manchmal die Zehennägel auf. Hollywood liebt es nun mal, das Mittelalter dunkel, matschig und komplett verwahrlost zu zeigen. Jeder trägt dieselben grauen Lumpen, alle haben fettige Haare, und in der Ecke liegt garantiert irgendein undefinierbarer Müllhaufen. Ich hab einmal eine Doku gesehen, die wortwörtlich Requisiten aus Fantasyfilmen nutzte, um „den Alltag im Mittelalter“ zu zeigen. Kein Wunder, dass wir ein falsches Bild davon haben. Historisch gesehen war die Realität viel vielfältiger – und viel sauberer, als wir denken.
Wenn man all diese Mythen nebeneinanderlegt, entsteht ein spannendes Muster: Wir unterschätzen die Menschen im Mittelalter gern. Wir sehen Schmutz, wo Alltag war. Wir sehen Unwissen, wo Erfahrung war. Und wir sehen Chaos, wo tatsächlich klare Routinen existierten. Für mich macht gerade das die Hygienegeschichte so faszinierend – sie zeigt, wie sehr Klischees uns von echten Erkenntnissen ablenken können.
Und je öfter ich darüber schreibe, desto mehr wünsche ich mir manchmal, ich könnte Menschen einfach mal auf eine kleine Zeitreise schicken, nur um zu zeigen: So dreckig war’s nicht, Leute. Nicht mal annähernd.
Fazit
Je tiefer ich mich mit Hygiene im Mittelalter beschäftige, desto deutlicher wird: Die Wahrheit liegt – wie so oft – zwischen zwei Extremen. Menschen waren nicht so dreckig, wie viele Klischees es behaupten, aber auch nicht so sauber wie wir heute. Badestuben, Kräuterbäder, Kleidungspflege und alltägliche Rituale zeigen, dass Reinlichkeit durchaus geschätzt wurde. Gleichzeitig hatten Städte massive Hygieneprobleme, die Krankheiten begünstigten und das Leben der Menschen prägten.
Wenn du also künftig über das Mittelalter sprichst oder schreibst, kannst du mit fundiertem Wissen glänzen und die üblichen Mythen entspannt entkräften. Lass uns gemeinsam weiterforschen – Themen wie Medizin, Körperpflege oder das Alltagsleben in historischen Epochen eröffnen eine ganze Welt voller spannender Geschichten!
